BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN
Samstag, den 19. Februar 2011 um 20:00 Uhr

VIVALDI GANZ GROSSARTIG

„Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi ist ein Dauerbrenner in den Konzertsälen. Eine verengte Musikindustrie hat sie fast notorisch werden lassen und Strawinskys böses und mehr selbstentlarvendes Wort, Vivaldi habe ein und dasselbe Konzert 600-mal komponiert, enthält ein Körnchen Wahrheit, übersieht indes die Kompositionspraxis des Barock, der kein Urheberrecht kannte und der die Komponisten zu ununterbrochener Produktion zwang, auch zu den Parodieverfahren. Dieses Werk stand am Anfang des Konzerts der Klassischen Philharmonie Bonn unter der Leitung von Heribert Beissel im Brahms-Saal. Hinzu traten zwei Konzertsätze für Violine und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart und die Sinfonie Nr. 45 fis-moll von Joseph Haydn, auch „Abschiedssinfonie“ genannt. Solistin des Abends war die aus Albanien stammende Geigerin Ervis Gega.

Vom Naturlaut zum Arbeitskampf, so könnte man dieses abwechslungsreiche Programm bezeichnen, mit dem Beissel und seine Musiker ihre Zuhörer aufs Neue verwöhnten. Der rheinische Grandseigneur verbindet in seinem Dirigat Eleganz und Empfindsamkeit, planende Intelligenz und spontane Musizierlust, die sich wie ansteckend auf seine Musiker überträgt.

Vivaldi mit der Virtuosin Gega: Ausbund expressiver Vielfalt

Und wenn dann noch eine Virtuosin wie Ervis Gega zur Mitwirkung kommt, dann erlebt man Vivaldis Evergreen eben nicht als 600. Ausgabe, sondern als ein Ausbund an programmatischen Ideen und expressiver Vielfalt, die in ihrer zeitlichen Einbestimmung hinter den Schöpfungen des großen Russen keineswegs
zurückstehen.

Mozart mit Gega: lyrische Innigkeit und tänzerischer Schwung

Lyrische Innigkeit und tänzerischen Schwung entfaltete Gega im Verein mit der Philharmonie auch in Mozarts E-Dur-Adagio KV 261 und in seinem C-Dur-Rondo KV 373. Die Geigerin bedankte sich für den Beifall mit der von Johan Halvorsen für Violine und Cello bearbeiteten Final-Passacaglia aus Händels gmoll- Cembalo-Suite HWV 432, virtuos begleitet von dem ersten Cellisten Chi-Ho Choi.

Haydn schrieb seine von ungestümen Ecksätzen umrahmte fis-moll-Sinfonie wohl aus Experimentierlust; ihre tradierte Abschiedssymbolik passt zwar zu seinem Witz und wird gerne goutiert, ist aber nicht gesichert. Gesichert ist hoffentlich aber die Rückkehr dieser Philharmoniker mit ihrem frischen, sensibel
austarierten Haydn-Spiel, ihrer Stilsicherheit und Spontanität, die die Zuhörer gerade auch in den leidenschaftlich bewegten Rahmensätzen fesselte.

Claus-Dieter Hanauer

Ausgabe Nr. 41 – Seite 26