FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
Freitag, den 18. Februar 2011 um 00:00 Uhr

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG- Rhein Main Zeitung

SCHAU MAL, SIEH MAL, GUCK MAL DA
Ervis Gega und die Klassische Philharmonie Bonn


Die junge albanische Geigerin Ervis Gega, einst Stipendiatin und später Dozentin der Stiftung Villa Musica Mainz, die auch als Duopartnerin der Harfenistin Silke Aichhorn hervorgetreten ist, war jetzt die souveräne Solistin eines Konzerts mit der Klassischen Philharmonie Bonn im Kurhaus Wiesbaden. Sie hatte sich ein umfangreiches Programm zugemutet: Mit den von ihrem Chef Heribert Beissel umsichtig und stets dialogbereit begleiteten Bonner Musikern interpretierte sie zunächst den vier Teile umfassenden Violinkonzerte-Zyklus "Le quattro stagioni" von Antonio Vivaldi im Ton abgerundet und melosgetränkt, dabei in den rhythmischen Impulsen eher ruhig als impulsiv. Eine emotionale Intensivierung des Ausdrucks brachten nach der Pause überraschend zwei Einzelwerke Mozarts: das Adagio für Violine und Orchester E-Dur KV 261 sowie (in gleicher Besetzung) das Rondo C-Dur KV 373.

Mit nochmals gesteigerter Brillanz und nunmehr feurigem Impetus gestaltete Ervis Gega schließlich eine Passacaglia nach Händel von Johan Halvorsen. Ihr Partner in diesem Duo war der Cellist Chi-Ho Choi, der schon in Vivaldis Werk als präziser Continuo-Spieler angenehm aufgefallen war. Auf das genaueste trafen die Musiker der Klassischen Philharmonie und ihr Dirigent den Tonfall in Joseph Haydns relativ knapper Sinfonia fis-Moll Hob. I:45. Das für Haydns mittlere Schaffensphase typisch ausgeprägte Sturm-und-Drang-Werk birgt einige interessante Formexperimente. So erscheint im Kopfsatz anstelle der Durchführung eine lyrische Passage, bevor in der Reprise Elemente einer musikalischen Arbeit aufscheinen, wie sie für Durchführungspartien üblich wären.

Das finale Presto hingegen wird durch ein angehängtes Adagio beendet, bei dem es zu einer drastischen Stimmenreduzierung kommt, bis lediglich zwei Geigen die Sinfonie abschließen. Dieses durch eine historische Episode leidlich beglaubigte Kompositionsverfahren ist früher häufig auch ohne den etwas albernen Effekt eines sukzessiven Abgangs der Musiker von der Konzertbühne ausgeführt worden. So sollte man es vielleicht auch wieder handhaben angesichts permanenter Störung des Hörgenusses, weil es heutzutage mit der Stille und Konzentration des Publikums endgültig vorbei ist, sobald der Exodus auf dem Podium beginnt. Dabei wäre es doch eine intelligente Entscheidung, der Musik schweigend zu folgen - es hat doch jeder Besucher ein Paar Augen im Kopf?

Harald Budweg

Text: F.A.Z., 18.02.2011, Nr. 41 / Seite 49

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